Verstehen, wie Deutschland funktioniert

Im Gespräch mit Schahina Gambir (vorn, ganz rechts, Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen) und Stefan Schneidt. Vertreter:innen des Netzwerks der Migrationsfachberatungsstellen und zugewanderte Menschen. ©DeineDiakonie/ Lars Haberl

Schahina Gambir, MdB, Bündnis 90/Die Grünen ©DeineDiakonie/ Lars Haberl

Klientin Anis Gol Afzali (r.) mit Reyhan Erfidan (AWO) ©DeineDiakonie/ Lars Haberl

Fasih Muhammad Nasir – hier mit Fatma Aydin-Cangülec von DeineDiakonie – kam als Kind nach Deutschland. Inzwischen studiert er Informatik. ©DeineDiakonie/ Lars Haberl

Stefan Schneidt, stellvertretender Kreisvorsitzender der SPD ©DeineDiakonie/ Lars Haberl

Netzwerk der Migrationsfachdienste im Kreis diskutierte mit Schahina Gambir (MdB) und Kreistagspolitiker Stefan Schneidt

Kreis Gütersloh / Rheda-Wiedenbrück, 02. Oktober 2025. Anis Gol Afzali kam vor vier Jahren aus Afghanistan nach Deutschland. Jetzt spricht sie fließend Deutsch, hat eine Ausbildung zur Pflegeassistenz abgeschlossen und arbeitet in einem Altenheim in Harsewinkel. Wie gut Integration gelingen kann, zeigte das Netzwerk der Migrationsfachdienste im Kreis Gütersloh an diesem und weiteren Beispielen. In einer Dialogrunde mit heimischen Politiker:innen ging es außerdem um die eigenen planungs- und finanztechnischen Sorgen der Beratungsdienste.

Anlass für das Treffen war die „Aktionswoche für die bundesgeförderten Programme im Bereich Migration und Flucht“. DeineDiakonie* hatte ins Beratungszentrum an der Hauptstraße 90 in Rheda-Wiedenbrück eingeladen, zusammen mit weiteren freien Trägern der Wohlfahrtspflege: Caritas, Arbeiterwohlfahrt (AWO), Deutsches Rotes Kreuz (DRK) und Sozialdienst katholischer Frauen und Männer (SKFM). Von Seiten der Politik nahmen sich die Bundestagsabgeordnete Schahina Gambir (Bündnis 90/Die Grünen) und Stefan Schneidt (stellvertretender Kreisvorsitzender der SPD) Zeit für ein ausführliches Gespräch.

Fast 5.000 Menschen wurden beraten

Das Netzwerk präsentierte gemeinsame Zahlen: Im Kreis Gütersloh beraten und begleiten die genannten Träger der freien Wohlfahrtspflege besonders viele Menschen „mit internationaler Familiengeschichte“. Im Jahr 2024 berieten sie insgesamt 4.904 Klientinnen und Klienten. Die Anzahl der Beratungskontakte lag bei 17.911. „Das ist sehr viel und es zeigt, wie wichtig unsere Arbeit ist“, so Fatma Aydin-Cangülec von DeineDiakonie. Sie wies darauf hin, dass es im Kreis Gütersloh besonders viele Migranten gibt.

„Wir stellen fest, dass die Menschen eine Andock-Stelle brauchen“, ergänzte Frank Börgerding (Caritas). „Viele trauen sich kaum, auf Behörden zuzugehen aus der Sorge, abgewiesen zu werden.“ Im Gesundheitsbereich sei es ebenfalls schwierig: „Wenn man nicht gut Deutsch spricht, heiße es schnell: ‚Suchen Sie sich jemanden, der übersetzt, wir können Sie nicht behandeln.‘“ Daher seien Anlaufstellen wichtig, „in denen man seine Sorgen teilen kann. Es geht auch darum, eine Beziehung aufzubauen und dem Menschen zu zeigen, wie er sich integrieren kann.“

Ein Ziel: Planungssicherheit

Insgesamt 17,55 Vollzeitstellen stehen derzeit im gesamten Netzwerk für die Beratung zur Verfügung. Und genau hier drückt der Schuh am meisten. Ein Grundproblem sei, dass die Beraterinnen und Berater selbst nicht längerfristig planen könnten und dass „auskömmliche Finanzierungsparameter“ fehlen. Projekte würden nur befristet finanziert. Auf kommunaler, auf Landes- und auf Bundesebene drohten Mittelkürzungen. Der Wunsch: mehr Planungssicherheit für die kommenden Jahre, wie Kai Treptow (AWO) betonte.

Wie sich das ewige Hin und Her auf den Alltag auswirkt, erläuterte Dorothee Großkraumbach vom Jugendmigrationsdienst (JMD): „Es ist belastend, nicht zu wissen, ob wir im nächsten Jahr noch in dem gleichen Umfang für die Menschen da sein können wie bisher. Dabei ist es wichtig, Menschen kontinuierlich zu unterstützen. Wenn Stellen wegfallen, wer übernimmt dann?“

Davut Aslan (SKFM) zeigte die Konsequenzen auf, falls Beratungsstellen wegbrechen: „Man möchte Geld sparen, aber im Grunde verursacht man mehr Aufwand. Es wird also teurer für den Staat.“

Frank Börgerding (Caritas) ergänzte: „Oft handelt es sich um Beratungsangebote, für die Mitarbeitende sich über Jahre fortgebildet und spezialisiert haben. Sie haben ein gutes Standing bei Klienten und Kooperationspartnern, und das droht wegzubrechen.“

Beraterin Hanna Helmsorig (Caritas) wies darauf hin, dass ihre Arbeit eine Erleichterung für die Sachbearbeiter der verschiedenen Behörden bedeute. „Sie bedanken sich wirklich oft bei uns.“ Agnieszka Sulewska aus Polen ist eine ihrer Klient:innen. Hanna Helmsorig hat ihr durch den Bürokratie-Dschungel geholfen und sogar bei Arztbesuchen übersetzt.

Jeder Kontakt eine Gelegenheit zur Integration

„Ich musste erst einmal verstehen, wie Deutschland funktioniert“, erinnert sich Anis Gol Afzali aus Afghanistan. Dabei habe ihr Beraterin Reyhan Erfidan (AWO) immer wieder geholfen und sie dazu bewegt, ihre Ausbildung durchzuziehen.

Fasih Muhammad Nasir kam mit 14 Jahren nach Deutschland. Inzwischen hat er Abitur und studiert Informatik in Bielefeld. Auch er konnte auf Unterstützung bauen, in diesem Fall von DeineDiakonie. 

Die Netzwerkpartner waren sich einig: Migrationsdienste fördern Integration. Jeder einzelne Kontakt bietet die Gelegenheit zur Integration, zur Teilhabe auf Augenhöhe. All das würde wegfallen, wenn Stellen gestrichen werden. In der Folge würden andere Anlaufstellen  – von Behörden bis zu Arztpraxen – völlig überlastet und Integrationsbemühungen verlangsamt.

„Die größte politische Herausforderung“

Stefan Schneidt versprach, auf kommunaler Ebenen eine Lanze für die Beratungsdienste zu brechen: „Es ist eine Vollkatastrophe, wenn man keine Planungssicherheit hat“, sagte er. Das Thema „Übernahme von Eigenanteilen“ will er mit in die kommunale SPD-Fraktionssitzung nehmen. Außerdem hat er vor, mit Güterslohs Bürgermeister Matthias Trepper zu reden sowie mit Thorsten Klute, dem Gesundheitspolitischen Sprecher der SPD-Fraktion im NRW-Landtag von NRW; in diesem Fall über auskömmliche Eigenanteile. 

MdB Schahina Gambir erklärte, dass sie sich für eine verlässliche Förderung der Migrationsberatung einsetzt. Statt der im Haushaltsentwurf vorgesehenen 76 Millionen Euro fordert sie, mindestens die von den Verbänden geforderte Summe von 81,5 Millionen Euro bereitzustellen. Nur so könne die Arbeit der Migrationsberatung auch künftig gewährleistet werden. „Die Migrationsberatung leistet unverzichtbare Arbeit - für Menschen, die nach Deutschland kommen, und für unsere Gesellschaft insgesamt“, sagte sie. „Auch hier in Rheda-Wiedenbrück wird gezeigt, wie erfolgreiche Teilhabe gelingen kann: durch kompetente Beratung, mit viel Engagement und Herzblut aller Beteiligten." Gleichzeitig kritisierte Schahina Gambir die aktuelle Haushaltsplanung der Bundesregierung: „Die politischen Entscheidungen fallen in der Regierungskoalition. Und man spürt, wie sehr sich die Migrationsdebatten im Bundestag inzwischen von der Realität vor Ort entfernen, immer mehr getrieben von den Parolen der AfD. Das ist gefährlich, verantwortungslos und spiegelt sich im Haushalt wider."

Grundsätzlich äußerte sich Frank Börgerding (Caritas): „Integration ist, wie ich finde, im Moment die größte gesellschaftliche Herausforderung, vor der wir stehen.“

 

Infokasten

Angebote der Beratungsstellen

Das Netzwerk der Migrationsfachberatungsstellen von DeineDiakonie, Caritas, AWO, SKFM und DRK bietet folgende Beratungsleitungen an:

  • die Flüchtlingsberatung von DeineDiakonie und AWO. Sie kümmert sich um Aufenthaltsangelegenheiten, Arbeit und Beschäftigung, Teilhabe
  • der Jugendmigrationsdienst (JMD): Ausbildung und Beschäftigung, Aufenthalt, Umgang mit Ämtern und Behörden
  • die Migrationsberatung (MSOE) für zugewanderte Menschen aus Mittel- und Südosteuropa: Ehe und Familie, Arbeit und Beschäftigung, Gesundheit
  • die Migrationsberatung für erwachsene Zugewanderte (MBE): Arbeit und Beschäftigung, Familie, Aufenthalt

Die Dienste beraten kostenlos und niedrigschwellig, arbeiten mit verschiedenen Institutionen zusammen, geben Orientierung bei alltäglichen Problemen wie Wohnungssuche und Behördengängen, fördern die Integration (bezogen auf Sprache, Beruf und Gesellschaft) und befähigen dazu, selbstständig zu handeln.