„Meine Stimme verschenke ich nicht“

Sozialarbeiterin Carolin Hage ist für das Projekt „Politik Café“ der Wohnungslosenhilfe von DeineDiakonie zuständig.

Im Gespräch mit Gästen des Politik-Cafés vor der Beratungsstelle der Wohnungslosenhilfe in Gütersloh: Jan Sassenberg (stehend), Leiter der Wohnungslosenhilfe, und Sozialarbeiterin Carolin Hage

Im „Politik Café“ der Wohnungslosenhilfe geht es auch um die Kommunalwahl

Kreis Gütersloh, 8. September 2025. „Über Religion und Politik spricht man nicht“, hat Klaus* vor Jahren im Knast gelernt. „Sonst gibt‘s Prügel.“ Wählen gehen will er ebenfalls nicht, Kommunalwahl hin oder her. Das findet Jochen* weniger gut, der mit ihm auf der Terrasse des „Politik Cafés“ der Wohnungslosenhilfe in Güterslohs Kirchstraße 10b sitzt: „Ich würde meine Stimme nicht verschenken. Sowas stärkt doch nur die Falschen.“

Ähnliche Gespräche werden seit Ende Juli 2025 im Rahmen des neuen Projekts „Politik Café“ von DeineDiakonie** immer wieder geführt. Es richtet sich an Menschen in schwierigen, oft von Armut und Wohnungslosigkeit geprägten Lebenslagen. Sozialarbeiterin Carolin Hage ist zuständig für das vom Ministerium für Arbeit Gesundheit und Soziales (MAGS) geförderte Projekt. Sie begleitet und moderiert Gespräche zu aktuellen politischen, sozialen und kommunalen Themen. In der Praxis heißt das: „Erst über alles Mögliche reden, dann über Politik, dann über weitere Hilfen. Diese Kombination macht das Café so besonders“, erklärt die 32-Jährige.

 

Jan Sassenberg, Leiter der Wohnungslosenhilfe, hat die Stimmungslage der Klient:innen seit Jahren im Blick: „Wir hören viel Frust und Hoffnungslosigkeit angesichts aktueller politischer Entwicklungen. Migration und mangelnder Wohnraum, Gewalt, Islamismus und das Gefühl, dass deutschstämmige Bürger:innen benachteiligt würden, sind nur einige der Reizthemen.“

„Ideen-Buch“ mit Vorschlägen und Kritik füllen

In diesem Zusammenhang äußert Benjamin Varnholt, Geschäftsbereichsleiter Beratung von DeineDiakonie, eine große Sorge: „Studien zeigen, dass Armutsgefährdung die Wahlergebnisse rechtsextremer Parteien positiv beeinflusst. Das Politik Café soll genau diese gefährdete Personengruppe erreichen und in einen partizipativen Dialog auf Augenhöhe einbeziehen.“ Wenn politische Prozesse in einer Demokratie besser verstanden würden, sei schon viel gewonnen.

Jan Sassenberg zeigt sich bereits jetzt, nach wenigen Wochen, „erstaunt darüber, mit welcher Ernsthaftigkeit politische Themen unter den Nutzer:innen des Cafés diskutiert werden. Besonders freut es uns, dass sich einige Gäste durch das Politik Café motivieren lassen, wählen zu gehen.“

Die Wohnungslosenhilfe möchte noch einen Schritt weitergehen und zum Beispiel Menschen ohne eigene Wohnung mehr Gehör in der Politik verschaffen, über den Wahltag hinaus. Wie das gelingen kann? In Planung sind zum Beispiel: 

  • Gesprächsrunden, zu denen Politikerinnen und Politiker oder wichtige Personen aus der Zivilgesellschaft eingeladen werden sollen
  • ein „Stimmen-Heft“ oder ein „Ideen-Buch“, in dem Anliegen oder auch Kritikpunkte der Café-Besucherinnen und -Besucher notiert, gesammelt und später in aufbereiteter Form an Kooperationspartner:innen, Ämter oder auch den Sozialausschuss weitergegeben werden

Den Menschen langfristig helfen

Eins ist Sozialarbeiterin Carolin Hage wichtig: „Wer nicht über Politik sprechen möchte, der muss das natürlich nicht.“

Gut erreichbar zu sein, einen Ort zu schaffen, an dem sich Menschen wohlfühlen und offen über ihre persönlichen Themen sprechen können und zugleich eine Anlaufstelle zu bieten, über die sich unkompliziert Hilfsangebote vermitteln lassen: Das sind zentrale Ziele, die die Wohnungslosenhilfe mit dem Café verfolgt.
„Bedürftige finden hier Wärme und Sicherheit bei einer Tasse Tee oder Kaffee. Zudem stehen saubere Toiletten, Duschmöglichkeiten, eine Waschgelegenheit für Kleidung und nicht zuletzt niedrigschwellige Beratungsangebote zur Verfügung“, so Carolin Hage. „Letztlich geht es doch darum, den Menschen nachhaltig zu helfen.“

*Alle Namen der Café-Gäste wurden geändert.